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11.10.2011
Archäologische Untersuchungen 2011: Ein erstes Resümee
Mitte März begannen heuer bereits die Arbeiten für die Fortsetzung der archäologischen Grabungen am Domplatz. Auf einer Fläche von 870 m² vor allem im Bereich der ehemaligen Grabkirche konnten bis dato einige beeindruckende Ergebnisse vom bis zu 25 Personen starken Team ans Tageslicht gefördert werden.
„Solange es die Witterung noch erlaubt, werden auch die archäologischen Arbeiten am Domplatz weitergehen“, verrät Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy, der jedoch bereits ein erstes Resümee für das Ausgrabungsjahr 2011 zieht.
Bürgermeister Mag. Matthias Stadler sieht die Ausgrabungen als „wichtigen Schritt für ein zentrales Projekt mit maßgeblicher Bedeutung“.
„Die Entwicklung des Domplatzes unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Bürgerbefragung aus dem Jahr 2009 hat größte Priorität. Jetzt müssen die Vorarbeiten dazu geleistet werden, was unweigerlich mit Beeinträchtigungen – etwa des Marktes oder der Parkplatzsituation – verbunden ist. Wir sind jedoch bemüht eben diese im Rahmen zu halten und die erforderlichen archäologischen Arbeiten schnellstmöglich durchzuziehen“, so Stadler.
Wichtige Erkenntnisse für die Stadtgeschichte
Ein Schwerpunkt der heurigen Kampagne lag in der Untersuchung der ehemaligen Pfarrkirche „Zu unserer lieben Frau“. Es können dazu bereits einige – für die Stadtgeschichte wichtige – Ergebnisse bekanntgegeben werden:
1. Unterhalb der Kirche liegt ein römischer Großbau, möglicherweise eine Therme (öffentliches Badehaus), dessen Mauern sich stellenweise fast bis zur heutigen Oberfläche erhalten haben.
2. Indizien weisen darauf hin, dass Teile dieses römischen Gebäudes im Mittelalter (möglicherweise bereits im 9. Jahrhundert, spätestens aber im 11. Jahrhundert) als christlicher Sakralbau genutzt wurden.
3. Von der durch ein Weihedatum von 1133 bekannten romanischen Kirche ist der Ostabschluss (Apsis) ebenfalls bis knapp unter der heutigen Asphaltkante erhalten geblieben. Auch sie dürfte an das römische Gebäude angesetzt sein, nimmt aber in jedem Fall dessen Orientierung auf.
4. Unter Propst Ulrich Feyertager (1360–1369) erfolgte ein dreischiffiger Neubau, der fast die gesamte Platzbreite einnahm. Doch auch an diesem Bau sind mehrere An- und Umbauten festzustellen, die zeitlich noch nicht exakt festgelegt werden können.
5. Im Zuge der Errichtung des barocken Klosters wurde der Chorbereich der Kirche vollständig abgetragen, wie aus dem Grabungsbefund eindeutig ablesbar ist.
6. 1689/90 wurde auch der restliche Bestand der Kirche abgerissen. Das noch verwertbare Baumaterial fand unter anderem für die Erhöhung des noch erhaltenen Turmes der Klosterkirche Verwendung.
Auch im Bereich des ehemaligen Friedhofes wurden die Arbeiten fortgesetzt.
Anthropologie
Im Grabungsjahr 2011 wurden bisher über 3.000 biologische Proben gesichert und 1.242 menschliche Skelette anthropologisch bearbeitet. Davon waren 32 % Männer, 30 % Frauen, 36 % Kinder und Jugendliche, nur 2 % der Skelette konnten nicht mehr bestimmt werden.
Hingegen konnten im Vorjahr auf der damaligen Grabungsfläche nur 22 % Frauen festgestellt werden, was für einen „normalen“ Friedhof ungewöhnlich ist. In beiden Grabungsjahren wurden etwa gleich viele tödliche Schädelverletzungen gefunden.
Zu den interessantesten anthropologischen Funden zählt heuer zweifellos das Massengrab einer Familie mit 18 Menschen, die alle zugleich bestattet worden waren. Es handelt sich dabei um eine 40- bis 50-jährige Frau, um einen 45-jährigen Mann und um 16 Kinder im Alter von 3 bis 20 Jahren. Alle Kinder waren im Abstand von 1 bis 2 Jahren voneinander geboren worden. Dieses Grab alleine stellt unter anderem einen seltenen, durch Knochen belegten historischen Nachweis für die hohe Geburtsbelastung der Frauen im Mittelalter dar.
Um ein Einzelschicksal handelt es sich bei einer 25- bis 30-jährigen Frau mit einer nicht heilenden, chronischen Verletzung im Mittelfuß, die man orthopädisch mit speziellen Schuhen zu behandeln suchte. Bei diesem Skelett wurde auch ein so genanntes Fraisenband mit der Darstellung eines Fußes entdeckt. Derartige Fraisenbänder erwarb man seinerzeit bei einer Wallfahrt und erhoffte davon Heilung oder zumindest eine Linderung von Schmerzen. Die betroffene junge Frau starb jedoch an dieser Verletzung.
Besonders spannend könnten die weiteren anthropologischen Untersuchungen der Bestattungen aus dem Innenraum der ehemaligen Kirche werden. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um vermögende Bürger des mittelalterlichen St. Pölten.
Reges Interesse in der Öffentlichkeit
Die Besucherplattform ist ein großer Erfolg und wird ebenso gerne angenommen wie die angebotenen Führungen. Die Schüler, die den Workshop „Archäologie Live“ besucht haben, waren voller Begeisterung. Zusätzliche Spezialführungen z.B. für Blinde oder Betreute der Tagesheimstätte waren ein durchschlagender Erfolg. Auch die Reaktionen auf die noch laufende Ausstellung im Stadtmuseum „Da steh i drauf“ sind mehr als positiv. Zusätzlich wurde die Grabung im Rahmen von Veranstaltungen wie dem Tag des Denkmals oder der Langen Nacht der Museen präsentiert.
Foto (mss/Vorlaufer)
Gemeinsam mit Ass.-Prof. Dr. Karl Grossschmidt (l.) und Prof. Dr. Fabian Kanz (2. v. l.) von der Medizinischen Universität Wien diskutierten der „gelernte Historiker“ Bürgermeister Mag. Matthias Stadler und Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy über die aktuellen Erkenntnisse der anthropologischen Untersuchungen.
„Solange es die Witterung noch erlaubt, werden auch die archäologischen Arbeiten am Domplatz weitergehen“, verrät Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy, der jedoch bereits ein erstes Resümee für das Ausgrabungsjahr 2011 zieht.
Bürgermeister Mag. Matthias Stadler sieht die Ausgrabungen als „wichtigen Schritt für ein zentrales Projekt mit maßgeblicher Bedeutung“.
„Die Entwicklung des Domplatzes unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Bürgerbefragung aus dem Jahr 2009 hat größte Priorität. Jetzt müssen die Vorarbeiten dazu geleistet werden, was unweigerlich mit Beeinträchtigungen – etwa des Marktes oder der Parkplatzsituation – verbunden ist. Wir sind jedoch bemüht eben diese im Rahmen zu halten und die erforderlichen archäologischen Arbeiten schnellstmöglich durchzuziehen“, so Stadler.
Wichtige Erkenntnisse für die Stadtgeschichte
Ein Schwerpunkt der heurigen Kampagne lag in der Untersuchung der ehemaligen Pfarrkirche „Zu unserer lieben Frau“. Es können dazu bereits einige – für die Stadtgeschichte wichtige – Ergebnisse bekanntgegeben werden:
1. Unterhalb der Kirche liegt ein römischer Großbau, möglicherweise eine Therme (öffentliches Badehaus), dessen Mauern sich stellenweise fast bis zur heutigen Oberfläche erhalten haben.
2. Indizien weisen darauf hin, dass Teile dieses römischen Gebäudes im Mittelalter (möglicherweise bereits im 9. Jahrhundert, spätestens aber im 11. Jahrhundert) als christlicher Sakralbau genutzt wurden.
3. Von der durch ein Weihedatum von 1133 bekannten romanischen Kirche ist der Ostabschluss (Apsis) ebenfalls bis knapp unter der heutigen Asphaltkante erhalten geblieben. Auch sie dürfte an das römische Gebäude angesetzt sein, nimmt aber in jedem Fall dessen Orientierung auf.
4. Unter Propst Ulrich Feyertager (1360–1369) erfolgte ein dreischiffiger Neubau, der fast die gesamte Platzbreite einnahm. Doch auch an diesem Bau sind mehrere An- und Umbauten festzustellen, die zeitlich noch nicht exakt festgelegt werden können.
5. Im Zuge der Errichtung des barocken Klosters wurde der Chorbereich der Kirche vollständig abgetragen, wie aus dem Grabungsbefund eindeutig ablesbar ist.
6. 1689/90 wurde auch der restliche Bestand der Kirche abgerissen. Das noch verwertbare Baumaterial fand unter anderem für die Erhöhung des noch erhaltenen Turmes der Klosterkirche Verwendung.
Auch im Bereich des ehemaligen Friedhofes wurden die Arbeiten fortgesetzt.
Anthropologie
Im Grabungsjahr 2011 wurden bisher über 3.000 biologische Proben gesichert und 1.242 menschliche Skelette anthropologisch bearbeitet. Davon waren 32 % Männer, 30 % Frauen, 36 % Kinder und Jugendliche, nur 2 % der Skelette konnten nicht mehr bestimmt werden.
Hingegen konnten im Vorjahr auf der damaligen Grabungsfläche nur 22 % Frauen festgestellt werden, was für einen „normalen“ Friedhof ungewöhnlich ist. In beiden Grabungsjahren wurden etwa gleich viele tödliche Schädelverletzungen gefunden.
Zu den interessantesten anthropologischen Funden zählt heuer zweifellos das Massengrab einer Familie mit 18 Menschen, die alle zugleich bestattet worden waren. Es handelt sich dabei um eine 40- bis 50-jährige Frau, um einen 45-jährigen Mann und um 16 Kinder im Alter von 3 bis 20 Jahren. Alle Kinder waren im Abstand von 1 bis 2 Jahren voneinander geboren worden. Dieses Grab alleine stellt unter anderem einen seltenen, durch Knochen belegten historischen Nachweis für die hohe Geburtsbelastung der Frauen im Mittelalter dar.
Um ein Einzelschicksal handelt es sich bei einer 25- bis 30-jährigen Frau mit einer nicht heilenden, chronischen Verletzung im Mittelfuß, die man orthopädisch mit speziellen Schuhen zu behandeln suchte. Bei diesem Skelett wurde auch ein so genanntes Fraisenband mit der Darstellung eines Fußes entdeckt. Derartige Fraisenbänder erwarb man seinerzeit bei einer Wallfahrt und erhoffte davon Heilung oder zumindest eine Linderung von Schmerzen. Die betroffene junge Frau starb jedoch an dieser Verletzung.
Besonders spannend könnten die weiteren anthropologischen Untersuchungen der Bestattungen aus dem Innenraum der ehemaligen Kirche werden. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um vermögende Bürger des mittelalterlichen St. Pölten.
Reges Interesse in der Öffentlichkeit
Die Besucherplattform ist ein großer Erfolg und wird ebenso gerne angenommen wie die angebotenen Führungen. Die Schüler, die den Workshop „Archäologie Live“ besucht haben, waren voller Begeisterung. Zusätzliche Spezialführungen z.B. für Blinde oder Betreute der Tagesheimstätte waren ein durchschlagender Erfolg. Auch die Reaktionen auf die noch laufende Ausstellung im Stadtmuseum „Da steh i drauf“ sind mehr als positiv. Zusätzlich wurde die Grabung im Rahmen von Veranstaltungen wie dem Tag des Denkmals oder der Langen Nacht der Museen präsentiert.
Foto (mss/Vorlaufer)
Gemeinsam mit Ass.-Prof. Dr. Karl Grossschmidt (l.) und Prof. Dr. Fabian Kanz (2. v. l.) von der Medizinischen Universität Wien diskutierten der „gelernte Historiker“ Bürgermeister Mag. Matthias Stadler und Stadtarchäologe Dr. Ronald Risy über die aktuellen Erkenntnisse der anthropologischen Untersuchungen.
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