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Geschichte der Stadt St.Pölten

Zur vorliegenden kurz gefassten Geschichte der niederösterreichischen Landeshauptstadt liegt im Shop des Stadtmuseums eine reich bebilderte Langfassung als CD-ROM auf.



Tipp

Anlässlich des Gedenkens an die Novemberpogrome 1938 stellt das Institut für jüdische Geschichte Österreichs sein virtuelles Memorbuch für die vernichtete St. Pöltner jüdische Gemeinde seit 10.11.2012 online.


Urgeschichte

Die intensive Bautätigkeit (S 33, Neue Westbahn) in den letzten Jahrzehnten hat viel Wissen über die Urgeschichte St. Pöltens zu Tage gefördert. Das erklärt teilweise, weshalb sich die Funde auf den St. Pöltner Norden (Pottenbrunn, Radlberg) konzentrieren. Das weitgehende Fehlen von Funden aus dem südlicheren Stadtteilen dürfte jedoch auch mit der schlechteren Bodenqualität in diesem Raum zusammenhängen.

Im Bereich  von Pottenbrunn und Radlberg wurden im Zuge von Rettungsgrabungen mehrere Siedlungen mit typischen Langhäusern, Vorratsspeichern, Gräbern ausgegraben, die bis in die ältere Jungsteinzeit (ab 5.500 v.u.Z.) datieren. Auch in der Bronzezeit (2.200 - 800 v.u.Z.)konzentrieren sich die Funde auf den Norden der Stadt. Die Archäologen konnten zahlreiche Siedlungen und Friedhöfe aus dieser Zeit nachweisen. 

Funde aus der Eisenzeit (800 v.u.Z. - 0) sind hingegen deutlich seltener im Stadtgebiet. Im Gewerbepark Unterradlberg wurde eine ausgedehnte Siedlung  aus der Älteren Eisenzeit (Hallstadtkultur) ausgegraben. Wichtigster Fund aus der la-Tene-Kultur (Jüngere Eisenzeit, ab 400 v.u.Z.) ist ein "Sonderfriedhof" aus Pottenbrunn, dessen reiche Grabbeigaben darauf hindeuten, dass dort nur höher gestellte Personen begraben wurde.


Römerzeit, Völkerwanderung

Die Römer eroberten im Jahr 15 vor Christus das Keltenreich und errichteten nachfolgend die römische Provinz Noricum. Grenzen wurden durch Militärlager (Kastelle) geschützt, im Hinterland entstanden Zivilstädte, fast alle nach dem gleichen Plan systematisch angelegt. Die Zivil- und Handelsstadt Aelium Cetium, wie St.Pölten hieß (Stadtrecht 121/122), bestand im 4. Jahrhundert bereits aus beheizbaren Steinhäusern, Handel und Handwerk brachten blühendes städtisches Leben hervor, ehe sich die Römer im ersten Drittel des 5. Jahrhunderts nach Italien zurückzogen.
Der nachfolgende Zeitabschnitt ist als Völkerwanderungszeit in die Geschichtsschreibung eingegangen, für die die Besiedlung der St.Pöltner Innenstadt nicht nachgewiesen werden kann. Gräberfelder zeugen vom Aufenthalt der Langobarden in unserem Gebiet, später waren es die Awaren, die ihr Reich bis zur Enns ausdehnten.
Die jüngsten archäologischen Grabungen auf dem Domplatz ab 2010 haben das bisherige Wissen über St.Pöltens Besiedlung zwar nicht auf den Kopf gestellt, aber um viele Details bereichert, deren vollständige Auswertung und Publikation in Bälde zu erwarten sind.


Mittelalter

Mit der Unterwerfung der Awaren durch Karl den Großen um das Jahr 800 konnte das Christentum Fuß fassen, indem das bayrische Benediktinerkloster Tegernsee hier ein Tochterkloster errichtete – als Gründer werden die Brüder Adalbert und Ottokar genannt –, ausgestattet mit den Reliquien des hl. Hippolyt. Der Name St.Ypolit sollte sich im Lauf der Jahrhunderte zu St.Pölten wandeln. Nach den Ungarnkriegen und der Neubesiedlung des Klosters als Augustiner Chorherrenstift unter dem Einfluss von Passau erhielt St.Pölten Mitte des 11. Jahrhunderts das Marktrecht.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konstatierten die Geschichtsforscher, dass Urkunden, in denen die Rechte der Bürger festgehalten wurden, als Stadtrecht zu bezeichnen seien. Wien wird zwar schon 1137 als Stadt ("civitas") urkundlich erwähnt, das älteste Wiener Stadtrecht stammt aber erst aus dem Jahr 1221, während der Passauer Bischof Konrad bereits 1159 den St. Pöltnern verbriefte:

  • Ein St.Pöltner Bürger, der sich vor Gericht zu verantworten hat, hat das Recht, sich eines "Fürsprechers" zu bedienen.
  • Er darf nicht gezwungen werden, sich von der Anklage durch ein Gottesurteil zu reinigen.
  • Ein St.Pöltner Bürger darf nur durch Aussagen von Mitbürgern, nicht von Fremden, überführt werden.


Ab dem 13. Jahrhundert übte ein vom Stadtherrn eingesetzter Stadtrichter als Vorsitzender der Ratsversammlungen und des Stadtgerichts die niedere und die hohe Gerichtsbarkeit aus, Innerer und Äußerer Rat unterstützten ihn bei der Rechtsfindung. Schauplatz der öffentlichen Urteilsverkündung war der im 13. Jahrhundert angelegte neue Marktplatz, der "Breite Markt", heute Rathausplatz. Ursprünglich quadratisch, wurde er erst in späterer Zeit auf ein Rechteck verkleinert. Um ihn herum entstand das Marktviertel, das gemeinsam mit dem Klosterviertel, dem Holzviertel und dem Ledererviertel durch eine doppelte Stadtmauer geschützt wurde.
St.Pöltens Abhängigkeit vom Passauer Bistum zeigte sich in Stadtwappen und Stadtsiegel. Angelehnt an das Wappentier des Stadtherrn, also des Bischofs von Passau, zeigt es einen aufrecht stehenden Wolf, der in der Tatze einen Bischofsstab hält.


Neuzeit

Im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Kaiser Friedrich III. und König Matthias von Ungarn verpfändete der Passauer Bischof die Stadt an den Ungarnkönig. Ab 1485 stand ganz Niederösterreich unter ungarischer Herrschaft. Das bedeutendste Dokument dieser Zeit ist die Verleihung des Stadtwappens durch König Matthias Corvinus aus dem Jahr 1487. Nach dem Tod der Kontrahenden 1490 bzw. 1493 konnte Friedrichs Sohn Maximilian Niederösterreich zurückerobern. Er betrachtete St.Pölten als Kriegsbeute und dachte nicht daran, sie dem Bistum Passau zurückzugeben. Die Stadtherrschaft wurde in der Folge oft verpachtet, so etwa an die Familie Wellenstein, später an die Familien Trautson und Auersperg.
Dass St.Pölten nun eine landesfürstliche Stadt war, kam im Wappenbrief des Königs Ferdinand I. von 1538 zum Ausdruck: Von nun an hatte der Wolf keinen Bischofsstab mehr, und die aus Betrachtersicht linke Hälfte zeigte den umgekehrten österreichischen Bindenschild, also Silber–Rot–Silber.
Auf das 16. Jahrhundert geht auch der Bau des St.Pöltner Rathauses zurück. Das 1503 von Richter und Rat erworbene Haus wurde nachfolgend erweitert, umgebaut, aufgestockt und mit einem Turm versehen.
Ein für die Stadtgeschichtsforschung bedeutsames Bild, 1623 gemalt, hat Szenen des Bauernaufstandes von 1597 festgehalten, gewährt aber auch einen Blick auf die Stadt und lässt den Betrachter manche Details des damaligen Bauzustandes ablesen. Die wirtschaftlichen Misslichkeiten jener Zeit wurden durch den Dreißigjährigen Krieg nur verschärft, zu dessen Ende ein Fünftel der Häuser unbewohnt und die Bürgerschaft verarmt war.


Barockzeit

Nach der erfolgreichen Türkenabwehr 1683 begann sich die Wirtschaft zu erholen und ein beachtlicher Bauboom setzte ein. Niederösterreich verwandelte sich in das Land der barocken Stifte und Klöster, als das es uns noch heute vertraut ist.
In St.Pölten ist die Veränderung des Stadtbildes eng mit dem Barockbaumeister Jakob Prandtauer verbunden. Neben der Barockisierung des Dominneren gehen eine Reihe von Bauten in St.Pölten auf sein Konto, so der Umbau des Schlosses Ochsenburg, die Errichtung des Schwaighofes und des Kernbaus des Institutes der Englischen Fräulein – ab 1706 Sitz des ersten St.Pöltner Schulordens – sowie mehrerer Bürgerhäuser.
Joseph Munggenast, Neffe und Mitarbeiter Prandtauers, führte die Barockisierung des Domes zu Ende, barockisierte die Fassade des Rathauses (1727) und zahlreiche Bürgerhäuser und entwarf eine Brücke über die Traisen, die bis 1907 bestand. An der Ausstattung der kirchlichen Bauten arbeiteten durchwegs Tiroler mit, die Jakob Prandtauer aus seiner Heimat nach St.Pölten geholt hatte, etwa Paul Troger und Peter Widerin.
Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II.: Ihre Reformen hinterließen auch in der Stadt des 18. Jahrhunderts deutliche Spuren. Schulgründungen als Folge der allgemeinen Schulpflicht, die Klosteraufhebungen und nachfolgend – ab 1785 – St.Pöltens neue Rolle als Bischofssitz sind Auswirkungen ihrer Politik.
1785 war auch das Jahr einer grundlegenden Abänderung der alten Ratsverfassung: Der Stadtrichter wurde durch einen aus fünf Personen bestehenden Magistrat abgelöst, an dessen Spitze ein Bürgermeister stand. Zum ersten Bürgermeister wurde der Maler Josef Hackl gewählt.


Das 19. Jahrhundert

Trotz der Napoleonischen Kriege – St.Pölten wurde 1805 und 1809 von Franzosen besetzt – und trotz des Staatsbankrotts von 1811 stieg die Zahl der Gewerbebetriebe beständig an, wenngleich die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt vorerst nicht über die engere Umgebung hinausging.
Vor dem Hintergrund der Überwachung durch die staatliche Geheimpolizei, die zwischen dem Wiener Kongress und der Revolution 1848 jedes politische Engagement verhinderte, zogen sich die Bürger ins Privatleben zurück. Familiensinn, Hausmusikpflege, prominente Salongesellschaften, in denen selbst ein Franz Schubert verkehrte, oder der Bau des Stadttheaters waren sichtbare Zeichen dieser Gesinnung.
Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt setzte erst nach der Revolution des Jahres 1848 ein. Voraussetzung dafür war der Bau der Kaiserin-Elisabeth-Westbahn, die Wien, Linz, bald auch Salzburg in erreichbare Entfernung rückte. Die Stadtmauern wurden geschleift, St.Pölten konnte sich entfalten. Die verkehrstechnisch günstige Lage begünstigte Fabriksgründungen, und so entstanden eine Spitzenfabrik, eine Revolverfabrik, eine Seifenfabrik oder etwa, als Vorläufer eines späteren Großunternehmens, die Borten-, Bänder- und Strickgarnerzeugung des Matthias Salcher in Harland.
Auch auf anderen Gebieten machte die Gründerzeit ihrem Namen in St.Pölten alle Ehre: Die Stadt bekam Schulen, ein Krankenhaus, Gaslaternen, Kanalisation, Warmbad und Sommerbad.


Das 20. Jahrhundert

Am Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte die Stadt einen weiteren Entwicklungsschub, eingeleitet durch den Bau des Elektrizitätswerkes 1903, denn Strom war die Voraussetzung für die Ansiedelung von Großbetrieben. Insbesondere die Firmen Voith und Glanzstoff sowie die Hauptwerkstätte der Bundesbahnen zogen viele Arbeiter an. Neue Traisenbrücke, Straßenbahn, Mariazellerbahn und andere Infrastrukturbauten wurden errichtet; St. Pölten erhielt eine Synagoge. Der Jugendstil hielt mehrfach Einzug in die innerstädtische Architektur – man denke nur an das Olbrich-Haus – und befruchtete auch die Malerei, als deren Exponenten Ernst Stöhr oder Ferdinand Andri zu nennen sind.
Was der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Großen für die Monarchie bedeutete, bekam im kleineren Maßstab auch St.Pölten zu spüren. Die Stadt wurde durch die Stationierung von Truppeneinheiten, ein Kriegsgefangenenlager, ein Truppenspital und ein Lazarett schwer belastet. Industriebetriebe wurden teils für die Kriegsproduktion umgerüstet, teils geschlossen. Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und Lebensmittelmangel waren noch lang nach Kriegsende schmerzlich zu spüren.
Der 1919 zum Bürgermeister gewählte Sozialdemokrat Hubert Schnofl versuchte nach dem Krieg den Lebensstandard der Menschen zu heben, indem er die soziale Fürsorge und das Gesundheitswesen verbesserte. Die Gründung einer Wohnungsgenossenschaft, der Bau der Wasserleitung und die Neugründung von Fabriken waren weitere Versuche, die erstarrende Wirtschaft anzukurbeln, deren Talfahrt bis 1932 nicht zu stoppen war.
Nachdem das nationalsozialistische Regime falsche Hoffnungen geschürt und die Welt in einen Krieg gestürzt hatte, war St.Pölten nicht mehr die Stadt von zuvor. Nicht nur die zehn verheerenden Bombardements des letzten Kriegsjahrs hatten Spuren hinterlassen, auch die restriktive Verfolgung von Juden und politisch anders Denkenden hatte Löcher in das Gefüge der Bevölkerung gerissen. Zehn Jahre russische Besatzung taten nachfolgend ein Übriges, die Bevölkerung zu traumatisieren, aber in dieser Zeit erstand aus den Trümmern ein moderneres St.Pölten, mit neuer Traisenbrücke, Fernheizwerk, Schulen.
Dieser Trend hielt an, eine Epoche des Aufschwungs und der Modernisierung ließ das Wirtschaftswunder spürbar werden. Bereits 1972 wurde – wenn auch maßgeblich als Folge von Eingemeindungen – die 50.000-Einwohner-Grenze überschritten.
Landeshauptstadterhebung, 10. Juli 1986: Kein anderes Ereignis hätte in dieser Dimension zur Initialzündung eines bis heute anhaltenden Entwicklungsschubs werden können. Seither wurden im großen Stil neue Wohn- und Gewerbegebiete erschlossen, Infrastrukturbauten errichtet, Schulen und Hochschulen zur Bereicherung der Bildungslandschaft ins Leben gerufen. Östlich der Altstadt entstand der Regierungs- und Kulturbezirk, und die Liste von Architekten trägt klangvolle Namen wie Ernst Hoffmann (NÖ Landhaus; Klangturm), Klaus Kada (Festspielhaus), Hans Hollein (Shedhalle und NÖ Landesmuseum), Karin Bily, Paul Katzberger und Michael Loudon (NÖ Landesbibliothek und NÖ Landesarchiv).
Europadiplom, Europafahne, Ehrenplakette, Europapreis: Zwischen 1996 und 2001 empfing St.Pölten zahlreiche Würdigungen seines EU-Engagements – gewissermaßen als Anerkennung des Europarats für die Verbreitung des EU-Gedankens durch internationale Städtepartnerschaften, eine große Europa-Ausstellung oder etwa die Gründung und den Vorsitz des "Netzwerks der Europäischen Mittelstädte".